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Samstag, 1. Dezember 2012

Kleine Stoffkunde für Mittelalter Newbies

Immer wieder wird gefragt, welche Bindung wo hin passt und wie grob die Stoffe wirklich waren,darum mache ich mal einen Post mit Bildern daraus.

Hier also eine ganz grobe Aufteilung von mir, erklärt für Leute die sich überhaupt nicht auskennen :

Diamantköper und Fischgrät sind die Bindungen die oft aus dem Frühmittelalter erhalten sind. Ab dem Hochmittelalter scheinen sie außer bei Beinwickeln, out zu sein.
Diamantköper hat den gleichen Einzug* wie Fischgrät, das bedeutet, das wenn man das eine Muster am Webstuhl eingerichtet hat, mit einer anderen Abfolge der Schäfte, auch das andere Muster weben kann. Mein Webstuhl hat Tritte ähnlich einer Orgel, damit kann  man unterschiedliche Abfolgen treten. Beim Fischgrät stur von rechts nach links oder umgedreht, ohne zu denken, bei Diamant hingegen muß ich mich konzentrieren.
Diese Muster kann man miteinander kombinieren.
Beide Bindungen sind querelastisch.

Fischgrät, hier sind die Linien immer versetzt

Diamantköper, so nennt sich die Bindung,weil die
Rauten oder auch Karos immer versetzt aneinander
stossen und einem Dimantschliff ein wenig ähnlich sehen.


 





 





Rautenköper und Zickzackköper ,haben die gleichen Eigenschaften wie Diamant und Fischgrät, aber die Linien stoßen aneinander.

Zickzackköper
 


Rautenköper











Gleichgratköper oder auch 2/2er Köper genannt, ist der Stoff bei dem die Struktur in Querrillen zu verlaufen scheint. Kette und Schuß* sind hier gleich dominant. Der Stoff ist schön querelastisch.
Wurde im gesamten Mittelalter verwendet.
2/2er benennt die Anzahl der Schäfte*. Die Schäfte zeige ich ganz unten.







Dreigratköper oder 2/1er Köper sieht den Gleichgratköper auf dem ersten Blick ähnlich, aber hier dominiert auf einer Seite der Schuß und auf der anderen Seite die Kette. Heute wird dieser Stoff gerne für Jeansstoffe verwendet, meist ist die Vorderseite dunkel und die Rückseite hell.
Auch dieser Stoff ist querelastisch. Im gesamtem Mittelalter verwendet.
Auch hier bedeutet 2/1er das drei Schäfte benötigt werden.
links die Kettdominante Seite, rechts die Schußdominante


Zum Vergleich ein Jeansstoff,Vor und Rückseite


Leinwandbindung muß nicht zwingend Leinen sein, sondern ist der Name für die einfachste aller Bindungen, nach dem einfachen eins hoch, eins runter, Prinzip. Dieser Stoff ist weniger querelastisch und fällt bei selber Fadenstärke und Anzahl weniger schön, sieht auch grober aus, als Köperstoffe.
Sie wurde im gesamten Mittelalter verwendet, meist bei Leinenstoffen, ist aber weniger bei Textilien die eine gewisse Elastizität brauchen, geeignet, also ungern für Beinlinge oder Beinwickel.


Leinwandbindung



Tidow (ein "Kollege" von Schlabow, einer der alten Textilkundigen) unterteilt historische Gewebe in unterschiedliche Feinheiten, jeweils auf einen cm gemessen:

sehr grob bis zu     5 Fäden
grob bis zu            8 Fäden
mittelfein bis zu   12 Fäden
fein bis zu             18 Fäden
sehr fein über        18 Fäden

Beim Jeansstoff oben im Bild habe ich 11 Fäden/cm gezählt, um einen Vergleich zu haben.
Die Zahlen zeigen, das die Stoffe auch im Mittelalter sehr fein sein konnten. Übrigens nicht erst seit Mittelalter, auch weit davor, gab es bereits sehr feine Gewebe.
Bei den heutigen Stoffen wird die "Dicke" nicht mehr in der Anzahl der Fäden, sondern im Gewicht angegeben. Hier kenne ich mich nun nicht aus, da ich die Stoffe die ich nicht selbst webe, zumindest anfasse und nach Augenmaß und Haptik kaufe.

Material für Oberbekleidung Wolle, für Unterbekleidung Leinen. Als ganz grobe Faustformel.
Es gibt regionale Besonderheiten, die muß aber ein jeder, für sich selbst finden.
Seide war sehr kostbar, und den oberen Schichten vorbehalten. Es gab sie allerdings schon, so ist für das Hochmittelalter in Köln, die Zunft der Seidenweberinnen belegt.
Baumwolle kam in Europa erst relativ spät auf, und wurde anfangs als Barchent, das ist ein Leinen/Baumwoll Gewebe, gehandelt.


*Kette sind die langen Fäden die auf den Webstuhl gespannt werden, Schuß ist der Faden der quer durch die Kette "geschossen" wird. Am Gewichtswebstuhl wurde das Garnknäuel so wie es war,durch das Gewebe geführt, später am Flachwebstuhl per Schiffchen, das als Handschütze wirklich aussieht, wie ein Schiffchen und durchs Fach* geworfen wird.
Per Schnellschuß wird es mit einer Art Hämmerchen, durchs Gewebe geschossen. Das sind die Webstühle die Lärm machen.

*Einzug nennt man einen Teil des Webstuhls einrichten, die Fäden werden durch die Litzen eingezogen.


*Schäfte: hier auf dem Bild sind das die Latten wo die weißen Litzen dran befestigt sind.
An meinem Webstuhl sind die Schäfte mit den Pedalen verbunden, an anderen Modelle gibt es Handhebel. Am Gewebe kann man schön das geöffnete Fach sehen,durch das das Schiffchen geschoben wird. Die Pfeile zeigen auf die 4 Schäfte, der gelbe Kringel zeigt wo das Schiffchen ins *Fach gehen muß und wie die Fäden sich spreizen.


 
 
Dieser Webstuhl hat also 4 Schäfte, es gibt auch Modelle mit mehr als 4, und auch Bindungen die mehr als 4 benötigen. Um ein 2/1er Gewebe herzustellen muß der Webstuhl ein wenig umgebaut werden, ein Schaft wird dann entnommen.
4 Schäfte reichen aus um die gängigen Stoffe des Mittelalters nachzuweben.

Kommentare:

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