Translate

Freitag, 12. April 2013

Mein neues Kleid

Nachdem in der letzten Zeit, Vieles für Andere entstanden ist, mache ich zwischendurch auch etwas für mich. Das weben des Stoffes, hatte ich dazu, schon zwischen andere Projekte geschoben und hier schon mal gezeigt:
http://zeitensprung.blogspot.de/2013/03/schlichter-stoff-furs-hochmittelalter.html

Habe ich da geschrieben, die Schnitte der Kleidung waren noch recht simpel ???
Au - weia. Das würde ich gerne zurück nehmen. Ich vergaß die Armkugel.

Aber von vorn.
Da hier auch viele Leute lesen, die mit Living History nichts am Hut haben, fange ich von vorn an.
Wie kommt man, zu solch einem Kleid, und woher weiß man wie so etwas aussieht ?
Wie kommt man zu "seiner" Epoche ?

Vor dem Wunsch dieses Kleid haben zu wollen, stehen zwei Knochenarbeiten, welche vermutlich aus einer Werkstatt stammen, oder zumindest jedoch den selben Stil und die gleiche Epoche haben, den Warberger Klappspiegel und das Tristan/Isolde Kästchen.
Beide sollen um 1150 herum, in Köln in der großen Beinwerkstatt entstanden sein.
Wie genau diese Werkstatt, ausgesehen haben soll, weiß man laut meiner Recherche, nicht so genau. Denkbar ist, das viele Menschen an unterschiedlichen Orten, einzelne Elemente hergestellt haben, die dann nach Kundenwunsch an einem Ort, an dem alle Elemente gesammelt wurden, zu den großen Reliquiengefäßen (die heute noch erhalten sind) montiert wurden.
In wie weit, daran Frauen arbeiteten ? Schwer zu sagen.
So möchte ich, also keine bestimmte Person darstellen, sondern strebe die Darstellung einer Handwerkersgattin an, damit die Kleidung in den Rahmen passt.

Auf den in Frage kommenden Beinarbeiten, tauchen viele Figuren auf, die aber entweder Heilige darstellen, oder höhergestelle Persönlichkeiten.
Also muss anders wo gesucht werden.
Bevor man mit dem Schneidern loslegen kann, muss man viele, viele Bilder sichten, dank dem Internet geht das oft online, um das ein oder andere Buch, kommt man allerdings nicht herum.
Viel angucken, viel überlegen, toll finden, wieder verwerfen, nach Details wie Halsausschnitt, Ärmelform, Gürtel, Schuhe, Schleier suchen. Zischendurch mal echt verzweifelt sein, und überlegen, ob man nicht  lieber Topflappen häkeln möchte.

Ist ein Kleid gefunden, ist man längst noch nicht am Ziel.
Wie mag der Schnitt gewesen sein ?
Die Schnitte von mittelalterlichen Kleider, unterscheidet sich erheblich, von denen heutiger Kleidung.
Im Grunde sind es, Rechtecke und Dreiecke, aber die Details haben doch Tücken.
Mein Wunschkleid, hat eng anliegende lange Arme und die besagte Armkugel. Rumpf wie Ärmel sind überlang. Die Schulterpartie muss schon abgeschrägt gewesen sein.
Ein passender Fund ist mir nicht bekannt.
Nun sucht man Vergleichsfunde, was war vorher, was war später, was gab es Anderswo ?
An dieser Stelle, möchte ich mich, bei Beate Stein bedanken, für ihre Recherche und die unermüdliche Hilfe aus der Ferne. Allein hätte ich das nicht hin bekommen !

Herausgesucht, habe ich mir ein Kleid aus dem Hortus Deliciarum. Einer bis heute erhaltenen Schrift.
Da es klein und schwer zu erkennen ist, habe ich den entsprechenden Ausschnitt nachgezeichnet.(siehe weiter unten)

Beim durch sehen, der vielen Bildbelege fällt auf, das an keinem Kleid ein Gürtel zu erkennen ist, die Kleider sind über einem Gürtel (?) allesamt stark geschoppt, was an der Überlänge liegt. Auf einigen Bildern, sieht man den Stoff, wie am Boden drapiert.
Bevor der gute handgewobene Stoff, zugeschnitten wird, habe ich ein Probekleid aus billigem Stoff per Maschine genäht... es für Unbrauchbar erklärt, und mit einem altem Bettlaken weiter gemacht.
Nach gefühlten 20 Ärmelmodellen und einer Portion Verzweiflung, gutem Zuspruch von Forenfreunden, habe ich dann einen Schnitt erstellt, mit dem ich dann halbwegs zufrieden war.
Dieses Stoffmodell, habe ich wieder aufgetrennt, und auf Packpapier übertragen, dieses wiederum auf den guten Stoff, danach dann beherzt zugeschnitten.

Obwohl ich nur 1,58m groß bin, entschloss ich mich, das Kleid mit einer Schulterhöhe von 1,70m zu zuschneiden.
Die langen Nähte der seitlichen Keile haben es in sich und lassen sich nur nach der Beppo Straßenkehrer Methode (aus Michael Endes Momo) bewältigen : nie gucken wie viel muss ich noch, immer gucken, was habe ich geschafft, und Stich für Stich sorgfältig arbeiten.
Genäht wird mit einer stumpfen Sticknadel, damit die Nadel keinen Faden, im Gewebe spalten kann. Das schont den Stoff, und erhöht später die Lebensdauer des Kleidungstücks. Der Nähfaden, ist aus gezwirnter blauer Wolle. Das hat den Vorteil, das er im Gewebe kaum zu sehen ist.


Halbfertig,die Geren sind erst halb eingenäht, eine Gere fehlt noch ganz,die langen Ärmel sehen merkwürdig aus, ob sich das beim tragen gibt ?








Die Vorlage


Rückansicht
das Kleid von der Seite

Die erste Anprobe: das Kleid fühlt sich merkwürdig unbequem an. So stelle ich mir, das tragen von Baggy Jeans vor. Die Stoffmenge, verbunden mit den engen Armen ist so ganz Anders, als alles, was ich bisher gewohnt war. Es ist ein "seht her, ich muss nicht viel tun Kleid".
Habe ich etwas falsch gemacht, oder fühlt sich so der Zeitgeist auf der Haut an ?
Dazu werde ich es länger, als ein paar Minuten fürs Foto tragen müssen.


mit improvisiertem Schleiertuch,
wie es Bildern dieser Zeit, ähnlich ist


Kommentare:

  1. Alles, was aus deiner Werkstatt kommt, ist so gut und liebevoll gemacht.
    Ganz grosses Lob, Frau Handwerksgattin!

    Was für einen Gürtel trägst du dazu? Mit Knochenschnalle?

    Dieses fremde Tragegefühl habe ich oft auch bei modernen Sachen. Da hilft nur oft tragen und das Teil "einwohnen", ähnlich wie bei neuen Schuhen. Am schwierigsten finde ich (und mache es deshalb auch nicht) die Überlänge. Sie erfordert eine ganz andere Art des Gehens, damit man sich nicht auf den Saum tritt.

    LG Iðunn

    AntwortenLöschen
  2. Der Gürtel ist ganz schlicht und ohne Schnalle.
    Danke fürs Lob.

    AntwortenLöschen

Gänzlich anonyme Kommentare werden nicht frei geschaltet, ich bitte um Verständinis.