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Mittwoch, 22. Januar 2014

Ein Stoff für eine edle Tunika

Manche Projekte werden von wirklich langer Hand geplant, weil sie einfach aufwendig sind.
Das war sicherlich schon immer so.

Vorigen Sommer, es war glaube ich im Juni, habe ich feines Garn mit frischen Birkenblättern gefärbt.
Es waren mehrere Züge und etliche Kilometer Wollgarn.
Auch der Tunika Stoff für meinen Mann ist daraus entstanden.
 Link zur grünen Tunika
Um die Flotte gut aus zu nutzen, wurde auf Vorrat gefärbt. Das kommt dem Projekt nun zu Gute.

Im November wurde dann Rostrot dazu gefärbt:


Kontaktfärbung
















Links sieht man die eingeweichten Krapp Wurzeln, rechts einen Blick in die vor sich hin arbeitende Färbung.
So sieht die Farbe nun aus :

















Um das extra feine Garn besser verarbeiten zu können, habe ich es von den Strängen auf solide Papprollen gewickelt.
Man kann schön den edlen Glanz des Wollgarn sehen. Spaßeshalber behaupte ich jetzt mal, das Garn stammt vom Schmetterlings Schaf, denn die Fäden sind sehr dünn.
Der zukünftige Stoff soll bei 15 Fäden je cm liegen.
Tatsächlich gibt es Funde von historischen Stoffen die noch viel feiner sind. Wie man so feines Garn mit der Handspindel hergestellt hat, ist mir ein Rätsel. Da waren wahre Könner am Werk.
Heute ist solches Garn kaum auf zu treiben.

Webst du schon, oder spulst du noch ...

Auch das grüne Garn, kann nicht im Strang verarbeitet werden.
Um es besser handhaben zu können wurde es auf Knäule gewickelt und von diesen wiederum auf kleine Röllchen, die später ins Schiffchen passen.
Oben auf den Röllchen liegt mein Daumenretter. Ein Fingerling aus Leder, den ich nun zum letzten Mal benutzt habe. Ich spule elektrisch und das mit großer Geschwindigkeit.
Je dünner das Garn um so mehr Meter passen auf die Spulen, um so heißer wirds, auch schneidet der Faden ein, wie man unschwer erkennt.
Also muss immer wieder mal so ein Fingerling dran glauben.
In der kleinen Schachtel liegt die Spularbeit von Stunden.

Nun beginnt das einrichten des Webstuhls.

Gleich nach dem Frühstück geht es los. Um dann zur Mittagspause so weit zu sein :
Um 20,35 sind die Litzen alle. Mist ! Ganz vergessen das mit dem alten Webstuhl auch Litzen weg gegangen sind.

Zwei Tage Zwangspause, bis Neue da sind.
Die restlichen Litzen ein zu ziehen und das einsortieren ins Blatt dauert noch mal einen Tag.
Die Fäden werden nun in Bündeln an den Webstuhl geknotet, dann wird geprüft, ob die Spannung überall gleich ist.
Am Abend kommt der große Moment, das anweben :
Dicht gefolgt vom bangen Moment, der Fehlersuche:
5 Fehler bei 1207 Fäden, das geht ja noch...
Diese Arbeit mache ich gerne Abends.
Dann kann ich morgens frisch da ran gehen, die Fehler zu beheben.
Hmm ich sollte sagen tricksen, mal hilft es, eine Ersatzlitze in die Schäfte einzufügen, mal einen Faden hinzu zu fügen oder raus zu nehmen. Mal muss ich mit dem Fehler leben, soll nicht der Aufzug zu großen Teilen neu gemacht werden.
Auch dieses Problem ist so alt wie die Weberei, wie Textilfunde beweisen.
Wenn diese Kette ab gewoben ist, werde ich vermutlich jeden Faden sehr gut kennen. Ständig macht ein Fädchen auf sich aufmerksam, indem es reißt. Das ist einer der Stoffe die dick machen, zumindest mich als Weberin,braucht es doch ständig Nervennahrung und einen guten Krimi für die Ohren.

Der Stoff wirkt schon am Webstuhl sehr fein und leicht.Was die Fotos nicht her geben, ist der nette Effekt, wenn mal das lindgrün dominant ist und mal das rot, je nach dem von wo aus man schaut.
Auf die Tunika die daraus entstehen soll, bin ich jetzt schon sehr neugierig.

Nach 4 vollen Tagen weben, ist der Stoff nun fertig gewoben.

Meine Zunge ist taub von Weingummi essen, denn für jeden gerissenen Faden habe ich mir eins gegönnt.
Nun muss das Gewebe geputzt werden, das bedeutet das gerissene Fäden ins Gewebe dem Muster folgend eingenäht werden. Dazu gibt es heute spezielle Nadeln, den Luxus wird man im Mittelalter nicht gehabt haben.
Die Nadel ist extra lang und elastisch und hat eine kleine Kugel dort, wo andere Nadeln spitz sind.
Die anderen wichtigen Werkzeuge sind meine Arbeitsbrille, die Weberschere und eine feine Häkelnadel um die unzähligen Knötchen auf die Rückseite des Stoff ziehen zu können.
Nun wird der Stoff gewaschen, getrocknet, dann erneut geputzt, dann erst werden die Fäden die aus dem Gewebe schauen, abgeschnitten.


Nach dem waschen,

fällt der Stoff weicher. Damit man sieht wie dünn und fein der Stoff ist, habe ich ihn stückweise zu einer Wurst gedreht. Die Bahn ist ca. 80cm breit, und 3,5m lang, Gewicht 200g/m².
Zusammen gefaltet passt die Portion in eine Apotheker Tüte.(so eine kleine weiße mit dem roten A)

Wie gut das die Sonne gerade da ist:

Der gerollte Teil:

Der Faltenwurf:
In der Sonne sieht das lindgrüne Schussgarn fast goldfarben aus.

Hier ein Vergleich mit industriell hergestellten Wollstoff, wie er von LHlern gerne verarbeitet wird.
Von der Haptik her, ist mein Handgewobener dünner und feiner im Griff.



Nachtrag 24.08.2014
weil es so schön ist, zu sehen, wie so ein Stoff weiter verarbeitet wird, ein Link zum neuen Besitzer:
Ulrichs Tunika bei Scotelingo

Kommentare:

  1. Liebe Silvia,

    meine allergrösste Hochachtung! Das Muster, das Farbspiel, die immense Arbeit und Geduld - die Tunika wird ein Hingucker!

    Lieben Gruss
    Iðunn

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  2. Das ist wirklich traumhaft! Du hast Recht, das Garn ist bestimmt vom Schmetterlingsschaf :) An den Falten und dem Gerollten sieht man sehr schön, wie leicht und fein das Tuch sein muss. Respekt! LG, Morgan

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  3. Wat heb je prachtig werk gemaakt en zulke schitterende kleuren geverfd, mijn complimenten!
    lieve groet,
    Alida

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  4. Wunderbar! Ich sitze grad an einem spätmittelalterlichen Stoff, der diese eleganz nicht hat - mit 4 Schussfäden auf den cm:
    Marled

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  5. Wahnsinns-Arbeit, die Du da wieder machst.

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