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Sonntag, 16. März 2014

Gekonnter Unperfektionismus

"Du machst Mittelalter ? - Da trägst Du Kleidung aus Sackleinen oder ?"

Das ist ein ständiges Vorurteil mit dem ich oft am Anfang eines Gesprächs aufräumen muss, wenn ich gefragt werde, was ich so mache.
Dabei ist eigentlich das Gegenteil der Fall. Verglichen mit den historischen Textilien, sind wir es, die heute Sackleinen tragen. Im übertragenden Sinne.
Denn der Großteil moderner Kleidung ist lieblos gemacht, auf wenige erhältliche Größen beschränkt, und soll nach Möglichkeit gar nicht lange halten.

Schaut man z.B. zu den Textilien die in Haitabu aus dem Frühmittelalter gefunden wurden, stellt man fest, das schon beim vorbereiten der Rohwolle, das zukünftige Projekt fest gestanden haben muss. Das heißt, es wurde Projekt bezogen gesponnen und gefärbt. Per Handspindel wurden z.B. hauchfeine Fäden hergestellt, mal fest gesponnen, mal etwas lockerer.
So findet man Kreppstoffe, dessen Fäden mit Absicht überdreht gesponnen sind, damit der Faden im späterem Gewebe zusammen schrumpft und den Kreppeffekt erzeugt.
Es finden sich strukturierte Stoffe in denen sich dicke und dünne Garne bewusst abwechseln.
Man war in der Lage anschmiegsame Kleiderstoffe, gerauhte Stoffe die warm und wasserabweisend wirken, Webpelze, Schleiergewebe ,Verpackungstoffe für Handelwaren, Segeltuche, Gürtel aus Wolle mit Stretchfunktion ... herzustellen.
Die Kleidung war über Jahrhunderte maßgeschneidert, die Nähte passend zur Funktion gewählt.
Die Bindungen der Stoffe, waren abwechslungsreich, und das mit relativ eingeschränkten Mitteln.
Die Fülle von gut durchdachten Textilien war groß. Heute sind davon oft nur noch winzige unansehnliche Stückchen übrig.

Nur wer arbeitet, kann Fehler machen.

Sieht man sich die Abzeichnungen der Gewebe an, stellt man fest, die Gewebe sind mit hoher Kunstfertigkeit hergestellt aber unperfekt. Webfehler unterschiedlichster Art finden sich, und das nicht selten. ( Fast freut es mich, finde ich einen Fehler, der mir genau so auch immer wieder passiert  )
Schaut man sich in Freilichtmuseen die rekonstruierten Arbeitsplätze der Texilhandwerkerinnen einmal an, wundert man sich, das es so wenige Fehler sind: spärliche Beleuchtung, beengte Verhältnisse, feuchte Kälte besonders in den Webhäusern der Leinenweber.


Hier zwei Bilder aus dem Museumsdorf Düppel in Berlin

Oder hier im (Hoch) Mittelalterhaus Nienover, das einem Stadthaus schon näher kommt, ist es auch nicht wirklich hell.

Fehler finden sich nicht nur in den groben Textilien, sie sind durchgängig in allen Arten von Textilien zu finden. Auch in den offensichtlich Kostbaren und Hochwertigen.



Historisierte Kleidung ist Anders, als die Kleidung die wir heute gewohnt sind.

Die Zeitreise fängt also beim Ankleiden an. Mit Leinen und Wolle, mit Passformen die wir so nicht gewohnt sind. Sich darauf ein zu lassen, sollte ein Teil des Ganzen sein. Man darf nicht erwarten, das eine nadelgebundene Socke, wie ein Tennisstrumpf sitzt. Hat man aber akzeptiert, das man eine andere Form von Kleidung trägt, kann man durchaus die Vorzüge schätzen lernen.
Dazu muss die Kleidung jedoch stimmig sein. Sie darf keine Kunstfaser enthalten, man darf Leinen nicht durch Baumwolle ersetzen und sich dann beklagen das man schwitzt.
Wie eine Freundin immer sagt, man kann kein Original Chicken Curry kochen, wenn man das Hühnchen durch Schwein ersetzt, nur weil das gerade im Angebot ist. ( ich danke Dir M. für den netten Vergleich )

Kommentare:

  1. Das ist ein toller Vergleich *schmunzel*! Für mich ist es auch immer wieder faszinierend zu merken, wie man ein ganz anderer Mensch wird, sobald man in "Gewandung" steigt: Wie man auf einmal schreitet, statt zu latschen, weil man eben keine Hose, sondern eine bodenlange Tunika trägt. Wie man jeden Schritt bewusst setzt in dünnsohligen Schuhen. Wie man den Peplos wie beiläufig um sich rafft vor dem Hinsetzen (Hinflezen kann man sich darin gar nicht), jede Bewegung wirkt angemessen, zweckvoll und anmutig. Und dann die Überraschung, wenn nach einem arbeitsreichen Tag im Lager und einem Abend vor dem Feuer die Kleidung keineswegs verschwitzt, dreckig und zerknittert ist, sondern nach Ausklopfen und Auslüften die Sachen wieder schön sind. Das Schönste ist aber das Gefühl, etwas zu tragen, mit dem man sich voll identifizieren kann. Man hat es selbst genäht, weiß, wer gesponnen, gefärbt oder gewebt hat, kennt jeden Arbeitsschritt und weiß die Mühe zu schätzen. Und sowas Schönes darf man haben :) Dieses Gefühl gibt einem allenfalls ein Brautkleid. LG, Morgan

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  2. Wahre Worte und mal wieder ein sehr schöner Bericht.
    Lg Tanja... die jetzt mal wieder weiter ihre unperfekte, perfekte neue Gewandung plant ;-)

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  3. Tja, es wird aber auch häufig eine Perfektion verlangt, die durch unser heutiges Maschinenware gewöhntes Auge geprägt ist. Ich erinere mich an das Foto einer römischen Tunika aus der Abegg-Stiftung, sehr fein gewebt, mit Safran!!! und Purpur!!! gefärbt, also auch zur damaligen Zeit keine Billigklamotte, wo ich aber schon mit bloßem Auge auf dem Foto Webfehler und Ungleichmäßigkeiten in der Färbung erkennen konnte. Nur die Maschine schafft Eintönigkeit im wahrsten Sinne des Wortes, die Schönheit früherer Textilien liegt nicht in ihrer absoluten Gleichmäßigkeit.
    Marled

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  4. Ein sehr schöner Artikel. Ich empfinde es ebenso. Das Gefühl, wenn man einen Schnitt aus einem historischen Fund rekonstruiert, auf sich anpasst und dann vor dem Spiegel steht und es ist EXAKT so, wie auf den Abbildungen, weil nur genau dieser Schnitt so aussehn kann, das ist schon was tolles. Und es ist eben ein ganz anderes Gefühl, etwas zu tragen was nach Originalen gefertigt ist, es macht erst Sinn, wenn mans so gemacht hat, davor versteht man das oft gar nicht, warum jetzt genau so. Zusammenfassen könnte man das auch mit: Die warn ja nicht blöd damals, wir sinds aber offenbar schon :-)

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