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Dienstag, 15. April 2014

Die Nähmaschine von Anna S.

Ich war etwa 12 Jahre alt, als ich mich auf einem Spielplatz mit einem türkischen Mädchen anfreundete. Sie kam frisch aus einem Töpferdorf in der Türkei und konnte kaum ein Wort Deutsch.
Die Freundschaft hielt einige Jahre an, deutsch lernte sie sehr schnell und irgendwann wollte sie mich mit zu Anna nehmen.
Anna war eine Dame unbestimmten Alters und sie hatte etwas ganz Faszinierendes, eine kleine Schneiderwerkstatt ohne Schneiderin zu sein oder damit Geld zu verdienen.
Von meinen Tanten kannte ich so genannte Bügelzimmer in denen auch genäht wurde, meist immer das langweilige Selbe...
Aber bei Anna war das Anders. Regalbretter voller Schnittmusterhefte, Berge von Stoffen, Körbe voller bunter Wollknäuel, Maschinen, Werkzeuge, Zubehör...der Raum versprühte eine professionelle Keativität.
Was Anna machte und warum, habe ich damals nicht verstanden, aber das sie von den weiblichen Mitgliedern der Gastarbeiter Familien sehr verehrt wurde, war schnell klar.
Heute weiß ich: sie hat den Mädchen die in der Familienhierarchie ganz zu letzt standen, Kleider genäht und geschenkt. Für die Mädchen deren Familien nicht viel Geld hatten.
Vor über 35 Jahren war die Welt noch eine ganz Andere. Es gab keine Discounter, die billige Kleidung verkauften. Die Gastarbeiter und ihre Familien sind durch die von zu Hause mit gebrachte landestypische Alltagskleidung, optisch sehr aufgefallen. So war ein neues Kleid, das vorher noch Niemand Anderes getragen hat, etwas Besonderes.

So freue ich mich, das mir über Umwegen, die alte Overlock Nähmaschine der Anna S. zugelaufen ist.
Lange hat sie gestanden, etwas angerostet ist sie, und gelaufen ist sie auch nicht mehr.
Da musste jemand ran, der sich auskennt, aber lohnt das ? Gebe ich viel Geld aus und dann läuft sie am Ende doch nicht ?
Zum Glück gibt es Foren !
In einem Handarbeitsforum hat sich ein kundiger Herr gefunden, der sich eine ähnliche Maschine ausgeliehen hat, um mir, mit Fotos, Schritt für Schritt virtuell die Hand zu führen. Gemeinsam haben wir die Maschine ganz auseinander genommen, gereinigt, geölt und wieder zusammen gesetzt.
DAS hätte ich mich alleine NIE getraut.

Der Blick von unten ohne Gehäuse

Das habe ich von Hand bzw. mit dem Pinsel raus geholt,der Rest hat der Staubsauger geschluckt. 



Laut den Spezis im Forum ist die Maschine etwa 1969 in Japan gebaut worden.  Es ist eine Viktoria HA-800, einer der ersten Overlock Maschinen für den privaten Gebrauch. Das Gehäuse ist komplett aus Metall. Nicht mehr Technik als nötig, aber scheinbar alles was man braucht.
Das sind Geräte mit denen ich in der Regel klar komme.
Nach etlichen Stunden auseinander schrauben, putzen und ölen, wieder putzen und zusammen setzen, konnte die Technik vorsichtig von Hand in Bewegung gesetzt werden.
Mir wurde erklärt wie wichtig es ist, eine Maschine die so lange gestanden hat, nicht ohne zu ölen in Betrieb zu nemen. Mir wurde das so erklärt der Unterschied zwichen geölten und trockenen Maschinenteilen ist:
Wenn du die nassen Hände einseifst und aneinander reibst. Dann fühlt sich das so an, wie es soll. Alles glitscht und flutscht.

Wenn du die Hände trocken aneinanderreibst, bis sie heiß und rot werden und sich evtl. Haut ablöst.... dann hast du praktisch das, was du hast, wenn ungeschmiertes Metall sich festfrisst.


Nun schnurrt sie wieder !
Lieber Schrauber, das war ganz großes Kino, sich extra eine Maschine leihen um Jemanden zu helfen, den man nicht kennt - unglaublich - vielen herzlichen Dank.

Ein Ärmchen ist mir auf dem Transport vom Spender nach Hause hin, abgebrochen, ärgerlich.
Aber das ist hin zu bekommen, da wird improvisiert, denn Ersatzteile werde ich keine mehr auf  treiben können.

Als Nächstes muss ich lernen damit um zu gehen, denn ich habe keinen Schimmer wie man damit arbeitet. Aber eins ist klar, die Maschine steht unter einem guten Stern : das benötigte WD40 Öl war im Ort nirgends auf zu treiben, aber mein Mann zauberte Abends welches aus der Garage. Die Einwegspritze die ich brauchte, bekam ich in der Apotheke geschenkt und die vielen hilfsbereiten und freundlichen Ratschläge der Forenleute - es scheint als solle die Maschine unbedingt wieder laufen.


Anna S. ist nun schon seit einigen Jahre verstorben, ihre Werkstatt schon lange aufgelöst.
Es gibt immer wieder Menschen die ganz unauffällig und selbstlos Gutes tun. 
Leute denen niemals ein Denkmal gesetzt wird. 
Darum werde ich diese Maschine die ich nun Anna nenne, in Ehren halten.


Kommentare:

  1. Schön! das hast du sehr schön geschrieben, ich wünsche dir viel Freude an dem alten Schätzchen.

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  2. Da hast du wirklich ein tolles Schätzchen, dem alle Ehre gebührt. Die alten mechanischen Teilchen sind den heutigen modernen immer noch um Längen überlegen. Dazu die wunderbare Geschichte, schöner kanns kaum sein.

    LG Alpi

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  3. Die Gescchichte ist toll, da hatte ich richtig nen Film im Kopf :) Schön, dass die Maschine wieder tut.Das neumodische Zeug taugt irgendwie alles net wirklich. LG, Morgan

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  4. Ach, so eine Anna ist was tolles…mit der ganzen Geschichte, die daran hängt; ich wünsch Dir viel Freude mit ihr!

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  5. Danke! Ich freue mich sehr, dass die Maschine ein gutes Zuhause gefunden hat!
    Marled

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    1. Liebe Marled, ich freue mich, das Du sie mir gegeben hast.
      Vielen Dank.

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  6. was für eine nette geschichte! find ich super, dass du das erbe so feinfühlig verwaltest :-)

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  7. Schöne Maschine!. Weißt Du noch, in welchem Forum Du Hife bekommen hast? Toll wäre ein Link zu der Forendiskussion. Vielen Dank.

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  8. Hallo Herr Heitkamp, die Frage habe ich hinter den Kulissen beantwortet, bitte schauen Sie in Ihr Postfach (Spam?)

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