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Donnerstag, 14. August 2014

Die Kürbismütze oder ein Besuch im Museum lohnt immer

Neulich entdeckte ich im Bonner Landesmuseum eine spannende Mütze für den Zeitraum ca 1150.
Eigentlich wollte ich zusammen mit Freunden, die neue Keltenausstellung besuchen, aber wenn man einmal da ist, macht man natürlich einen Rundgang.
Wie das so ist, wenn man nicht verzweifelt sucht, findet man am Leichtesten.
Um die Zeit um 1150 sind Kopfbedeckungen für Herren dünn gesät, so hat mich der unverhoffte Fund ehrlich gefreut.

Die heiligen drei Könige,links in der Gruppe,rechts im Detail





















Schäfer mit Mütze


Nur die Form hat mir Rätsel aufgegeben. Sechsgeteilt ist klar, aber sie sieht so ausgebuchtet aus, ein wenig wie ein Kürbis, der ja auch solche Ausbuchtungen hat.


Der erste Versuch so eine Mütze zu nähen sieht zwar nicht schlecht aus, aber es sieht nicht so aus wie die Vorlage. Auch müssten die Mütze etwas höher sein, um die spitz zulaufende Form zu erreichen, aber es ist ja erst mal ein Versuch.
Die Dellen sind genau falsch herum. Ob es an der Nahtform liegt ?


Das gute Stück habe ich mit einigen Leuten diskutiert, und ich bekam den Tipp, es mal mit gefütterten Teilen zu versuchen.
Also ein neuer Versuch:
Zum füttern der Mütze habe ich Wollreste verwendet, der Stoff ist ebenfalls Wolle, innen und aussen.
Die weiße Naht ist hässlich geworden - als mir klar war, das die Mütze viel zu klein wird, wollte ich einfach nur fertig werden. Auch hier, die Mütze muss höher sein.


Hmm - diesmal sieht es der Vorlage sehr viel ähnlicher, allerdings ist die Mütze extra warm. Als reiner Sonnenschutz ist sie sicherlich nicht geeignet.
Auf dem Relief taucht die Mütze gleich zwei Mal auf. Einmal trägt sie einer, der heiligen drei Könige. Da diese gerne in exotischer Kleidung dargestellt werden, ist ihre Bekleidung schlecht als Beleg geeignet. Schon der Knubbel oben auf, erschließt sich mir nicht.
Die zweite Mütze wird von einem Schäfer getragen. Der Schäfer trägt eine Tunika, sicherlich Beinlinge und knöchelhohe Schuhe, aber keinen Mantel, der auf eine Szene in der kalten Jahreszeit hinweist. Eine reine Wintermütze kann es also nicht sein.
War die Mütze evtl ein Schutz gegen Regen ?

Der nächste Versuch wird innen Leinen, außen Wolle sein, und dann muss die Mütze, per Trageversuch getestet werden. Vielleicht ist die Mütze dann allwettertauglich ?
Gut wäre auch sicherlich ein aufgeflauschter Wollstoff, damit Regentropfen nicht gleich auf den Gewebe liegen, sondern erst mal auf den Flauschhärchen stehen bleiben.

Weitere glückliche Funde : mehrere Damen Kleider für ca.1150, dessen Halsauschnitte nicht von  Schleiern verdeckt werden, und die Realien aus dem Fundkomplex vom Haus Meer.
Fortsetzung folgt...

Herzlichen Dank an das Landesmuseum Bonn für die freundliche Genehmigung zum Veröffentlichen der Bilder.

Dienstag, 5. August 2014

Tuch und Technik in Neumünster

Das Museum Tuch und Technik in Neumünster ist ein Museum rund um Textilien.
Zu bewundern gibt es volumenöse Maschinen die Rohwolle aufarbeiten und verspinnen sowie diverse Webstühle.

Ganz besonders beeindruckt hat mich das, obwohl nur 4 Leute incl. mir, durch Museum schlenderten, wir von einer Dame zusammen gesucht wurden, um uns die Maschinen zu erklären und die Spinning Jenny vor zu führen. In den Ferien ist wohl nicht so viel los, und für so wenige Leute das Programm durch zu ziehen, fand ich toll.
Auch der Webstuhl wurde angeworfen, und man wird als kleine Handweberin ein wenig neidisch, wenn man sieht, mit welcher Geschwindigkeit das feine Tuch an einem vollautomatischen Webstuhl wächst.
Auf der oberen Etage, kann man sich Fasern unter dem Mikroskop ansehen und für Kinder gibt es im ganzen Museum, Stationen zum erkunden, ertasten, raten und ausprobieren.
Neben diesen technischen Dingen gibt es in einem lichtgeschützten Bereich, die Fragmente eines Eisenzeitlichen Prachtmantels zu sehen, Webgewichte, Spinnwirtel sowie einige Metallteile.

8-10 Spinner versorgen einen Weber, hieß es früher.
Gemeint war der Handweber mit dem Handschützen, also dem Schiffchen das von Hand geworfen wird. Und mit früher ist die Zeit vor dem Schnellschuss gemeint.
Als der Schnellschuss erfunden war, konnten die Spinner, die Weber nicht mehr schnell genug mit Garnen versorgen. So benötigte man zu den schnelleren Webstühlen, schnellere Möglichkeiten Garn zu spinnen.
Riesige Maschinen bereiten die Wolle auf. Sie wird gekämmt und über gegenläufige Walzen in feine Stränge zerteilt. Jeder Strang hat schon die Masse des zukünftigen Fadens.
Per Spinnmaschine, die im Grunde genommen immer noch nach dem Prinzip der Handspindel arbeitet, aber in vielfacher Menge synchron, (hier mit 394 Spindeln! ) werden die Fäden gesponnen.
Leider habe ich keine Fotos.
Das Unfallrisiko war groß, die Arbeit  anstrengend und eintönig, der Alltag wurde sicherlich hektischer.
Ob der Mensch gewonnen hat, weil Textilien da durch billig sind ?
Ich muss da an den Film "Moderne Zeiten" mit Carlie Caplin denken.


Wer zu weit weg wohnt, für den gibt es nette Büchlein. 
Zur Zeit gibt es eine Sonderausstellung zum Thema Pepita.
 "Das Pepita Virus"
ISBN 978-3-89946-214-2)
Ein Buch über Neumüster und die Weberei und die Dauerausstellung :
"Tuch und Technik: Leben und Weben in Neumünster"
 ISBN-10: 352906131X  ISBN-13: 978-3529061318

Neumünster war vor noch gar nicht langer Zeit eine Textile Hochburg, in der auf hohem Niveau auch ausgebildet wurde. Dies ist nun leider vorbei. Auch daran erinnert das Museum.
Die Sammlung gefällt mir sehr gut.

Ein Besuch ist zu empfehlen, besonders Freitags vormittags, weil dann eine Weberin vor Ort ist, die erklärt. Nett ist auch der Museumshop, indem es Webereien aus dem Museum , aber auch aus der befreundeten Weberei für behinderte Mitmenschen zu kaufen gibt. Natürlich auch Bücher und ausgefallene Postkarten rund ums Thema Textil und Technik.