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Montag, 24. November 2014

Handschuh aus Ralswiek 1,0

In der slawischen Siedlung Ralswiek wurde ein Wollhandschuh gefunden, der auf das 8-9 Jahrhundert datiert ist. Ein kleiner Arbeitskreis Textile Rekonstruktionen vom Projekt Eisenwald, dem ich angehöre (dem Arbeitskreis, nicht der Truppe) hat sich den Handschuh unter Anderem, für diesen Winter zum Thema gemacht.
Zum Handschuh selbst gibt es wenige Informationen. Es gibt eine schöne Zeichnung in einem Buch*,  viel mehr aber leider nicht. Diese Zeichnung habe ich vereinfacht ab gemalt, um überhaupt etwas zeigen zu können:

Selbst gesehen habe ich den Handschuh leider nicht, alles worauf ich mich stützen kann, sind wenige Bilder, meist unscharf und schlecht beleuchtet.

* Das Buch nennt sich :
DIE SLAWEN IN DEUTSCHLAND
Geschichte und Kultur der slawischen Stämme
westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert
Ein Handbuch ( Neubearbeitung )
Herausgegeben von Joachim Herrmann
AKADEMIE - VERLAG BERLIN  1985

Meine Umsetzung:
benutzt habe ich für den rechten Handschuh, Reste die beim Projekt Hose angefallen sind.
Zuerst habe ich aus Abdeckfolie ein Schnittmuster nach einer Schablone des zukünftigen Besitzers erstellt. Durch die Folie kann man besser durch schauen als durch Papier und es lässt sich später schöner in Dokumentenhüllen archivieren.
Für den Handrücken habe ich zwei Reste mittels Kapnaht zusammengefügt.


Da auf der Zeichnung die Position der Naht des Daumens nicht zu erkennen ist, habe ich beschlossen, sie aussen am Daumen lang laufen zu lassen. Eigentlich müsste solch eine Naht zu sehen sein, aber die einzige mögliche Position auf der Daumeninnenseite erscheint mir unpraktisch, da dies die belasteste Stelle der Handschuhs ist, und später den Tastsinn beeinträchtigen würde.
Mit meinem Daumen bin ich gänzlich unzufrieden.
Das Daumenloch habe ich ausgeschnitten, und den fertig genähten Daumen von der Rückseite her eingeschoben. Mit Überwendlingsstichen ist der Daumen eingenäht, zwei Reihen habe ich dazu gesetzt.
Auf der Buchzeichnung sieht die offene Naht so aus, wie ich es von meinen Kapnähten her kenne, deshalb hatte ich mich entschlossen, den Handschuh mit solchen Nähten zu nähen.
Der Versuch die beiden großen Handschuhteile per Kapnaht miteinander zu verbinden, ist nicht gelungen. So sind die Teile per Saumnaht versäubert und per Überwendlingsstich mit einander verbunden.
Sollte eine der Nähte später einmal kaputt gehen, wäre es toll, wenn die offene Naht fotografiert würde um zu sehen, ob die Naht ähnlich aussieht, wie am Original.
Bevor die Stulpe an den Handschuh genäht wird, geht der Handschuh auf die Reise zum späteren Besitzer um die Passform zu überprüfen.

Mittlerweile ist der Handschuh beim zukünftigen Träger. 

Der Handschuh ist zu weit, der Daumen passt zwar - immerhin, aber er sieht auch an der Hand kein bisschen so aus, wie am Original.
Da habe ich Lehrgeld gezahlt.

Nach gemeinsamer Beratschlagung haben wir beschlossen noch mal ganz neu zu beginnen. Denn den Handschuh wieder zurück schicken, umändern, das Vorderteil mit dem vermurksten Daumenloch austauschen, wäre ein zu großer Aufwand.

Es gibt einen Vergleichsfund der hier sehr schön dokumentiert ist:
http://www.medieval-baltic.us/vikmitten.html
(danke Marled für den Link !)
Nach diesem Schnitt wird der nächste Versuch erfolgen.

Vielen Dank an R. Liebentraut fürs Korrektur lesen.

Fortsetzung folgt.

Sonntag, 9. November 2014

Drei in einer Flotte

Über die Schwierigkeit passende Garne für die Weberei zu beschaffen, habe ich ja schon an verschiedenen Stellen gejammert.
Aktuell färbe ich gerade mit Schwarznüssen, genauer gesagt mit der grünen Fruchtschale der Schwarznuss (Juglans nigra). Diese führt genau wie die Walnuss den Farbstoff Juglon, ist jedoch nach eigener Erfahrung, höher konzentriert, als bei der Walnuss (Juglans regia). Die Schwarznuss ist kein Europäischer Baum und die erste Flotte ist für die mittelalterliche Weberei unbrauchbar, aber wunderschön. Das optimale Farbergebnis ist ein Mokkabraun mit goldgelbem Schimmer. Bei dem Begriff optimal bin ich mitten im Ärgernis.
Drei (4) Garne hatte ich in einer Flotte:
1) gezwirntes Alpakagarn das von Werk aus in einem hellrosa Ton zu mir kam
2) gezwirntes Wollgarn
3) einfädiges Wollgarn
ungefärbte Biowolle zum abbinden der Stränge, das als Webabfall gerade parat war. 

Alle Garne wurden im selben Eimer eingeweicht und gleich vorbehandelt, gleichzeitig zusammen in der selben Flotte gefärbt und dennoch ist die Farbintensivität ganz unterschiedlich.
Während mein Standart Nähgarn den Farbton wie gewohnt wunderbar an nahm und zu Mokkabraun wurde, haben die anderen Garne die Farbe nicht so gut angenommen. Selbst das Biogarn zum abbinden, von dem ich überzeugt war, das es aus reiner Natur besteht, wurde nicht so dunkel wie erhofft.


Der Färbetopf in Aktion, es dampft.
Spender des Farbstoffs - Schwarznüsse nach dem Bereiten der Flotte
1) gezwirntes Alpakagarn
2) gezwirntes Wollgarn
3) einfädiges Wollgarn
Das Bild entstand während des Färbens.
Die Garne werden von Werk aus vorbereitet, bereits vor dem verspinnen werden die Fasern behandelt, um sie maschinell verarbeiten zu können. Das macht das verarbeiten in meinem Bereich, immer wieder spannend bis schwierig, vor allem aber unberechenbar !
Womit die Garne behandelt werden, weiß ich nicht. Die Garne riechen beim einweichen oft "chemisch" statt nach Schafswolle, wobei ich zwischen dem Geruch und dem Unwillen Farbe an zu nehmen, noch keinen Zusammenhang feststellen konnte.
Bio bedeutet im Textilbereich alles und nichts. Man ganz genau hin schauen, was denn nun genau Bio sein soll, und erfährt doch nur die Hälfte. 
  • Bei meinem Wollgarn bedeutet Bio, das es den Schafen gut geht, sie stammen aus der Biozucht, leben im Freien und fressen was Schafe von Natur aus fressen möchten. 
  • Ökotex sagt, das die Fasern ohne giftiges Zeugs behandelt wurden. Wobei natürlich auch ungiftiges Zeugs mein Garn beim Färben hemmen kann.
  • Auf die gesamte Textilbranche erweitert, gibt es noch das Label "Fair" das bedeutet, das die Menschen die diese Textilien herstellen, nicht unter den allerschlimmsten Bedingungen arbeiten müssen und das keine Kinder ausgebeutet werden.
(Augen auf, beim Klamottenkauf, man darf sich nicht blenden lassen und denken die Welt sei schön, wenn Werbung und Wäscheschildchen, Versprechungen machen) 

Webfähige Garne brauchen anders als z.B. Dochtgarn zum Nadelbinden so beliebt ist, einige Eigenschaften. Die Garne müssen reißfest und stabil sein. Sie sollten glatt sein, sonst wird eine Kette gerne zum Klettverschluss, die bei jedem Schuss nur unwillig das Fach öffnet. Dabei sollen die Garne später als Stoff weich fallen und nicht kratzen. Einen industriellen Produzenten für Wollgarn im archäotechnischen Einsatz gibt es nicht.
Es gibt :
  • Reste aus Großwebereien die ihren Weg zu Ebay finden
  • Garne aus dem Handarbeitbereich, meist für Handstricker (viel zu flauschig)
  • handgesponnen  (5-8 Spinner versorgen einen Weber hieß es bis vor etwa 200 Jahren...)
Der Verbraucher erwartet von seiner Kleidung ebenso wie von Handarbeitprodukten, das sie pflegeleicht sind und lange schön bleiben. 
Oft erzählen die älteren Besucher in Museen, das die Kleidung ihrer Kindheit kratzte und "so Knübbelchen" bekam. Das die Kleidung diese Knübbelchen heute kaum noch bekommt, liegt an der Ausrüstung der Garne. Anti Pilling nennt man das.
Das muss etwas sein, (meist Kieselsäure) das sich um die Faser drum herum legt, und auch dort bleibt, egal nach wie vielen Wäschen. Leider sind die Garne unzureichend deklariert, beim Kauf erfährt man wenig, bis gar nichts über die Ausrüstung und das was sich im Garn so versteckt.
Das ist sehr unbefriedigend, um so mehr als meine Kunden erwarten, das ich Textilien herstelle, die in Haptik und Farbton an die historischen Textilien heranreichen - halt so echt wie nur irgendwie möglich sind.

Zurück zu meiner Schwarznussfärbung.
Meine fertig gefärbten, ausgewaschenen Garne sehen nach dem Trocknen so aus:
Links das optimale Farbergebnis, sattes Mokkabraun auf gezwirntem Wollgarn
Der Abbindefaden aus Ökowolle ist gut erkennbar
Mitte das einfädige Wollgarn (vom Händler übrigens als "zum färben geeignet" angepriesen)
Rechts das gezwirnte Alpakagarn, man kann die Rosafarbene Vorfärbung noch erahnen.

Die Erfahrung habe ich nicht nur mit Nussfärbungen gemacht, sondern auch mit Indigo, Krapp (hier war das Färbegut ausgiebig vorgebeizt) und auch Reseda.
Es ist und bleibt ärgerlich, denn die Auswahl an verfügbaren Materialien ist begrenzt, und gerade die modernen, einfädigen Garne die für die meisten historisierten Stoffe benötigt werden, brauchen diese Behandlung um reißfest zu sein. In früheren Zeiten hat man diese Reisfestigkeit erreicht, indem der Faden mehr Drall hatte. So wie alles Trends und Mode unterliegt, müssen sich auch die Eigenschaften der Garne dem Zeitgeschmack anpassen. Mein Problem wird also weiterhin bestehen.