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Montag, 2. Februar 2015

Stoff für Karins Mittelalterkleid

Gewünscht ist ein Stoff für ein hochmittelalterliches Kleid, in einem 2/1er Köper gewoben und pflanzengefärbt. Blau soll er sein und aus Wollgarn.

Im Hochmittelalter war bereits der Flachwebstuhl bekannt.
Anders als im Frühmittelalter werden die Stoffe im Hochmittelalter scheinbar weniger aufwendig gemustert, dafür werden die Schnitte der Kleider üppiger im Stoffbedarf. Gesponnen wurde per Handspindel für die Kette, das Schussgarn könnte per Wollrad gesponnen sein. Dieses Wollrad darf man sich nicht wie ein klassisches Spinnrad vorstellen, denn das Rad hat noch keinen Tritt, es wird von Hand angeschubst. Die Arbeit geht langsamer voran, als beim Spinnrad mit Tritt, das Garn ist weniger hochwertig, als das per Handspindel gesponnene Garn.

Handspindel mit Garn
Nachbau eines Wollrades im Museumsdorf Düppel/Berlin
Benötigt werden :
für die Kette     4980m
für den Schuss  4200m  - wobei zu berücksichtigen ist, das das Garn beim Färbeprozess einläuft.
Das Gewicht des fertigen Stoffes ist 1,3kg, den anfallenden Abfall nicht mit gewogen.


Das Garn zu unserem Stoff ist industriell gesponnen und einfädig.


Blau wurde mit Färberwaid gefärbt. Waid ist eine gut wüchsige, einheimische Pflanze. Die Häufigkeit dieses Farbstoffes lässt sich an vielen Ortsnamen bis heute belegen, wie etwa "Waidmühle" "Waidmarkt" oder "Blaubach". Es wurden die Blätter der Pflanze im ersten Jahr, zum färben benutzt, im zweiten Jahr geht die Kraft der Pflanze, in den Wuchs der Samen und die Pflanze trägt keinen Farbstoff mehr.
Der Färbevorgang selbst war/ist kompliziert, die Rezepte gut gehütet und von spezialisierten Handwerkern ausgeführt. Eine der wichtigsten Zutaten, war ausgefaulter Urin, bzw das Ammoniak das sich in diesem bildet.
Das Garn zu Karins Kleid ist mit Indigopulver und Chemikalien gefärbt. Dieser Farbstoff ist mit dem Waid nahezu identisch, und viel einfacher in der Handhabung.
Der Effekt des blauen Wunders, ist jedoch auch bei dieser Färbung erhalten :
in der Küpe ist das Färbegut gelblich und erst wenn es an die Luft kommt, schlägt der Farbstoff über Grün nach Blau um.
Färbegut mit Indigo Flotte im Elektro Einkochautomat

das ist die blaue Hälfte von Karins Kleid
Als Kette wurde ein natürlich wirkendes Grau gewählt. Die Bindung des Stoffs ist ein 2/1er Köper, wie man es von Jeansstoff her kennt, bei dem eine Seite Blau und die andere Seite hell ist. Das macht bei der Jeans Sinn, denn Indigo mit dem auch Jeansstoffe gewoben sind, ist nicht reibfest, er nutzt sich ab. Bei unserem Kleiderstoff steht der Gedanke, das man nur einen Teil des Garns färben muss und die Kette bei der Abfall entsteht, ungefärbt ist.

Seit der Steinzeit wurde auf Gewichtswebstühlen gewoben.
So sieht so ein Gewichtswebstuhl aus:
Gewichtswebstuhl im Museumsdorf Düppel
Wie oben erwähnt, gab es jedoch auch schon den Flachwebstuhl, der so aussehen kann:
Flachwebstuhl in M. Düppel
Das weben auf solch einen Webstuhl ist weniger anstrengend und schneller als die Arbeit am Gewichtswebstuhl.
Das selbe Prinzip hat der Webstuhl zu Karins Stoff, Schuss für Schuss mit einem kleinen Handschützen* geworfen, dadurch entstehen die kleinen Unregelmäßigkeiten, die beim Schnellschuss* verloren gehen :

Bei Kunstlicht am Webstuhl

Nach dem weben, wenn das Gewebe vom Webstuhl kommt, wird es geputzt. Das heißt gerissene Fäden werden dem Muster nach, im Stoff vernäht, evtl. Knötchen auf die Rückseite gezogen. Danach bekommt das Gewebe ein Enstpannungsbad. Das Gewebe verliert die Spannung der es am Webstuhl ausgesetzt war. Dabei läuft das Gewebe etwas ein, dies muss man bei der Planung des Gewebes berücksichtigen, besonders in der Länge, aber auch bei unserem Projekt in der Breite, denn die Bahn ist auf Schulterbreite der zukünftigen Trägerin gewebt.

So sieht es nun aus:

gut zu erkennen, links die blaue Schauseite, rechts die graue Rückseite
Der Stoff hat eine Dichte von 10Fäden auf 1cm und ist an den erhaltenen Fundstücken des Mittelalters gemessen, mitteldick. Heute liegen Jeansstoff, aber auch Küchenhandtücher meist bei 11Fäden/1cm. Die Stoffe des Mittelalters und der Antike waren oft aufwendig, und raffiniert, die berühmte Sackleinen Kleidung des Mittelalters ist ein Klischee und falsch.

Bis etwa zum Spätmittelalter, als die Schneiderei raffinierter und ausgeklügelter wurde, arbeitete man extrem Stoffsparend. Die Kleidung wird meist aus Rechtecken und Dreiecken zusammen gesetzt, das hat den Vorteil, das kaum Verschnitt anfällt. Stoffbedarf für dieses Kleid ist eine Tuchbahn von 6m Länge und knapp 60cm Breite.
Hier ein Schnittschema eines ähnliches Kleides, die grau schraffierten Stücke sind Verschnittteile.

Der Vorteil einer auf Maß gewebten Tuchbahn ist die Erhaltung der Webkanten. Es erhöht die Haltbarkeit des Kleidungsstücks und es spart Material und Arbeit.
Der geschätzte Arbeitsaufwand für solch ein Kleid unter mittelalterlichen Bedingungen von begabten und geübten Händen liegt bei etwa 180 Stunden, von spinnen, färben, weben bis hin zu den Handnähten.

*Schnellschuss / Handschützen, das sind das was man als "Schiffchen" kennt. Der Handschützen wird von Hand bedient. Der Schnellschuss, ist das, was an halbautomatischen Webstühlen laut knallt, wenn über eine Schur der Schütz durch eine Art Hämmerchen ins Fach geschossen wird.
Handschützen mit eingelegten Garnröllchen. 
In vereinfachter Form und weniger ergonomisch geformt gab es sie auch im Mittelalter, das weiß man von zeitgenössischen Abbildungen.

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