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Sonntag, 5. April 2015

Hose nach dem Fund vom Damendorf Moor

Viele historische Darsteller erzählen, das sie sich in ihrer historisierten Kleidung wohler fühlen, als in ihrer gewöhnlichen Alltatgskleidung. Das mag zum Teil daran liegen, das diese maßgeschneidert ist, und besonders gut passt. ( wie man die gesammte Meinschheit heute in die Größen S -XL quetschen will, und das dann immer bequem sein und gut aussehen soll, verstehe ich nicht ganz)

Ein besonderes Stück ist bis zum Frühmittelalter die Hose. Es gibt einige wenige Funde, die beliebteste ist die sogenannte Damendorf Hose (datiert 135-335 n. Chr.). Sie wird heute in Schloss Gottorf /Schleswig Holstein aufbewahrt, dort hängt das Original in Einzelteilen, und auch sehr anschaulich als Rekonstruktion im Ganzen. Karl Schlabow hat zu seiner Zeit eine Art Schnittmuster aufgezeichnet, nachdem man weitgehenst auch heute noch arbeiten kann. Dabei muss man berücksichtigen das jede Hose, auf seinen Träger zugeschnitten sein sollte. Die Original Hose erinnert ein wenig an eine enge Röhren oder Reithose. Sie ist eng geschnitten, und man sieht ihr an, das der damalige Träger ein sehr schlanker, groß gewachsener Kerl war.
Für genau solch Einen, habe ich den Auftrag erhalten, eine Hose her zu stellen.


Die Schnitt Teile des Originals sind so angelegt, das die Webkanten mit verarbeitet wurden. Das ist geschickt, denn es sorgt für Stabilität und Langlebigkeit. Die Seitenkanten des Ausgangsstoffes haben seitlich angewebte Brettchenborten. Das ist technisch am Gewichtswebstuhl nur am Anfang (also oben am Warenbaum) nötig gewesen, jedoch nicht seitlich.
In Fachkreisen wird vermutet, das der Stoff ursprünglich als Manteltuch verwendet sein könnte.
Den Schnitt von Schlabow habe ich grob nach gezeichnet.
Die beiden Dreiecke (1 - 2) füllen die Lücke zwischen Beinröhre und Gesäßteil aus. In meinen Augen sind sie das Schwierigste am ganzen Schnitt.

Um den Stoffbedarf zu ermitteln, habe ich ein Schnittmuster für den Kunden erstellt. Dazu brauchte ich die genauen Maße des Kunden. Das ließ sich gut über die Distanz ins Ausland, per Mail erledigen. Eine Probehose wurde an gefertigt und per Post verschickt. Über Fotos konnte ich den Sitz überprüfen, der zukünftige Besitze hat in Ruhe getestet, ob die Hose in Bewegung und im Sitzen reißt. Die Erste riss, weil sie zu eng war, der zweite Anlauf passte dann aber schon.
Das Anfertigen des Schnittes dauerte mehre Stunden, das grübeln über Details einige Tage.

Der Stoff der Original Hose war laut Farbanalyse rot.
Die Garne für den Stoff, wurden mit Krappwurzel von mir gefärbt. Meine Nachwebung liegt bei 10 Fäden je 1cm in der Kette, die Bindung ist ein Diamantköper. Der original Stoff ist feiner, das Muster ist nach der Patrone des Herrn Schlabow eingezogen. Da die angewebten Borten erheblich Mehraufwand gewesen wären, und einfache Webkanten auch stabil sind, wurde auf die Borten verzichtet. Die seitliche Borte war am Original ganz in der Naht verdeckt und unsichtbar.

 
unter Spannung am Webstuhl
Für den Zuschnitt dieser Hose wurde eine Stoffbahn von 3m x 0,70cm benötigt.

gewaschen, getrocknet und entspannt
Vernäht wurde die Hose mit einem elastischen Stich, wie er an Originalen nach gewiesen ist. Dies macht die Hose dehnbar, wenn es auch für unser modernes Auge ungewohnt ist, das die Naht unter Spannung "Mut zur Lücke" hat. Lässt die Spannung nach, zieht sich die Naht wieder zusammen. Eine starre Naht würde auf platzen oder aber den Stoff beschädigen.




Die Naht habe ich unter Handnähten beschrieben.

Leider habe ich vergessen, die Arbeitszeit nach zu halten.
Begonnen wurde mit dem färben der Garne bereits im Herbst. Das Weben des Stoffes, incl. einrichten des Webstuhls hat etwa 2 Wochen gedauert. Die Näharbeiten schätze ich auf etwa 16 Stunden.





Quellen:
das Original in Schloss Gottorf  http://www.schloss-gottorf.de/ 

Karl Schlabow: Textilfunde aus der Eisenzeit in Norddeutschland

Farke, H.: Ein zweitausendjähriges Bekleidungsstück nach der Präsentation in der Ausstellung. 
In: Textilmuseum Neumünster (Hrsg.): Archäologische Textilfunde - Archaeological Textiles. NESAT V. Neumünster 1994, S. 69-82.



Für Nicht Hobbyisten ein allgemeiner link zu Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Mann_von_Damendorf

In dankbaren Andenken an Beate Stein, die mir viel über die Textilen, ihre Schnitte und die Herstellung - speziell zur Damendorfhose - im frühen Norden erzählt hat.

Kommentare:

  1. Unglaublich interessant! Und eine wunderschöne Arbeit. Wie machte man die Hose oben zu? Mit einer Fiebel? Ich nehme an, es gab zu dieser Zeit noch keine Knöpfe.

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    1. Danke fürs Lob.
      Man geht davon aus, das die Hose mit einem Gürtel getragen wurde. Der Gürtel wurde dann mit dem Bund gerollt. Darum ist der Bund auch so lang/hoch.

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  2. Das hast du wirklich wieder hervorragend hinbekommen. Ich bin beim Nähen leider eine Niete und habe zunehmend Schwierigkeiten durch Probleme in den Fingergelenken bei diesen feinstmotorischen Arbeiten. Deshalb muss ich sowas immer delegieren.

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  3. Ganz toll! Ich beneide Dich um Deine Geduld. Die Hose ist sicher sehr bequem.
    Schöne Ostertage und liebe Grüße, Renate

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