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Montag, 19. März 2018

Wann sollte es Handgewebt sein ?

Zur Zeit bekomme ich etliche Anfragen, von Darstellern, die denken sie lassen sich etwas anfertigen und dann sind sie rundum gut aufgestellt.
Natürlich freue ich mich über ein gut gefülltes Auftragsbuch, aber nicht um jeden Preis, und nicht wenn ich weiß : der Kunde wird sich irgendwann ärgern.

Wann braucht man eine Anfertigung ?
Eine Anfertigung braucht man immer dann, wenn etwas nicht von der Stange zu haben ist.
Ein handgewebter Stoff macht eine historische Darstellung nicht besser oder stimmiger als ein industriell gewebter Stoff. Das macht ein handgewebter Stoff erst dann, wenn das Textil Besonderheiten aufweist oder wenn Muster vorliegen, die man nicht kaufen kann.

Fragt Euch bitte : was möchte ich eigentlich ?
Ein Lebensbild vermitteln ?
Eine Zeit möglichst echt nach leben ?

Um bei einer historischen Modenschau stimmig aus zu sehen, muss es weder handgewebt noch pflanzengefärbt sein. Wichtig ist, die Bindung stimmt, der Farbton, der Schnitt und das Material.
Möchte ich aber hautnah erleben wie sich frühere Zeiten angefühlt haben könnten, muss man tiefer gehen. Dann gehört Pflanzengefärbt und vielleicht auch Handgewebt dazu. Denn nur wenn es echt ist, verhält es sich auch wie echt, mit echter Abnutzung und Flecken, von echten Tätigkeiten.

Liebe Darsteller - lasst Euch nichts aufschwatzen !
Immer wieder sieht man Stoffe die zwar handgewebt, aber recht dick sind. Das sind die erhaltenen Textilien aber nur selten bis gar nicht.
Tidow (Ausrichter der ersten NESAT Tagung und Fachmann in Historischen Textilien) unterteilt historische Gewebe in unterschiedliche Feinheiten, jeweils auf 1cm gemessen:
sehr grob bis zu     5 Fäden
grob bis zu            8 Fäden
mittelfein bis zu   12 Fäden
fein bis zu             18 Fäden
sehr fein über        18 Fäden

Jeansstoffe liegen meist bei 11 Fäden je cm. Das Manteltuch des Bernie  hat 7 Fäden/1cm.
In einer Tunika, die deutlich dicker als Jeansstoff ist, lässt sich schlecht arbeiten, sie wird mehr in der Ecke liegen, als sie getragen wird. Das ist nicht nur unglaubwürdig, sondern falsch angelegtes Geld.

Wo finden sich Textilien ?
Das ist oft knifflig. Nicht jeder hat für seinen Wunschzeitraum und Region eine gut erhaltene, voll bekleidete Moorleiche.
Oft finden sich unerwartet und indirekt Textilien.
Keramik wurde hin und wieder vor dem Brand auf Lappen abgestellt oder eingeschlagen. Oft sind so bis heute Gewebeabdrücke erhalten.
In Körpergräbern finden sich manchmal Gewebe als Abdrücke auf korrodierten Metallgegenständen, so das man etwas über Gewebe erfährt, die längst vergangen sind. Ob nun diese Abdrücke einfach so als Kleidung deuten kann, muss man jeweils schauen.
Zusammen mit Bildbelegen und figürlichen Darstellungen findet man mehr über die Kleidung heraus.
Nun schaut man auf die sognannten Trachtbestandteile. Die finden sich oft in ungestörten Bestattungen. Anhand von Leichenschatten oder Knochenteilen weiß man die Lage des Körpers. Mit etwas Glück finden sich Schnallen, Schmuck, Schließen, pers. Gegenstände wie Messer, Toilettenartikel und Grabbeigaben. Das alles kann viel über den Menschen aussagen, wie er gelebt hat und gekleidet war.
Gewebefragmente, Bildnisse und Grabbeigaben zusammen sind quasi der große Lottogewinn. So viel Glück hat man selten. Dennoch lohnt es zu suchen.

Gibt es ein Buch wo das alles drin steht ?
Leider nein.
Für die vielen kleinen Kleckerfunde an Fragmenten, die gar nicht so selten sind, wie man erst einmal glaubt, gibt es bisher keine umfassende Literatur. Macht Euch mit "Eurem" Gebiet vertraut. Findet heraus was es an Fundgut gibt, und wühlt Euch durch die Literatur. Das sind oft Jahrbücher in denen die Funde einer Region zusammen gefasst sind. Manchmal Festschriften und Ausstellungskataloge. Wenn man Pech hat gibt es in einem Kiloschweren Werk, nur eine Doppelseite die man brauchen kann. Nutzt die Fernleihe der Bücherreien ! Das spart Frust und Geld.

Ist man mit dieser Suche durch, hat man am Ende eine Vorstellung, was man möchte und mit der man vermutlich langfristig zufrieden sein wird. Nun kann man überlegen ob eine Anfertigung nötig ist.


Kleine Stoffkunde für Anfänger